Übungsversagen ≠ Muskelversagen

Gemäß der heutzutage häufig anzutreffenden „go hard“- Mentalität und Aussagen wie „bis zum Versagen“ scheint es, als ob die angebliche Bedeutung von „Übungsversagen“ und „Muskelversagen“ ineinander übergeht. Tatsächlich gibt es dabei aber einen großen und entscheidenden Unterschied.

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Definition

Grundsätzlich sind die Begrifflichkeiten ganz einfach zu verstehen. „Muskelversagen“ bedeutet nichts anderes, als dass der Reiz- Kontraktionszyklus des jeweiligen Muskels durch die angehäuften Ermüdungsfaktoren im Laufe der Belastung so stark gestört wird, dass die mögliche Kraftproduktion entsprechend sehr stark sinkt (reversibel). „Übungsversagen“ hingegen bedeutet ganz einfach, dass die jeweilige Übung, durch etwaige Ermüdungsfaktoren jeglicher Art, nicht mehr ausgeführt werden kann, wobei dann auch wiederum ein möglicher „Technikbreak“ mit einbezogen werden muss.

Der Vollständigkeit halber muss man bezüglich des „Muskelversagens“ natürlich auch  wissen, inwiefern man das denn eigentlich definiert. So ist der Begriff selbst, natürlich eine „fiktive“ Beschreibung dieses reversiblen Ermüdungszustandes. So definiert man Muskelversagen generell, wie in der obigen Definition, jedoch muss man diferenzieren, dass die Kraftproduktion natürlich nur sinkt und außerdem je nach Muskellänge, also Bewegungsradius, variiert…

Ist doch dasselbe, oder?

Auf den ersten Blick kann es durchaus so wirken, als gäbe es keinen großen Unterschied. Das Problem, bzw. die Ursache für diese „Gleichsetzung“ ist nämlich, dass Übungsversagen bezogen auf die Übung selbst ist und Muskelversagen erstmal lediglich auf den jeweiligen Muskel, bzw. die entsprechende Bewegungsfunktion, das wiederum aber mit Übungen durchgeführt wird. Spricht man also im Falle von Isolationsübungen, so ist Übungsversagen und Muskelversagen nahezu gleichgesetzt. Besonders bei Mehrgelnksübungen oder Übungen die aufgrund des Bewegungsmusters keinen wirklichen Sinn machen (außer die Bewegung ist zielspeziefisch) sollte man sich aber dem Unterschied von Übungsversagen und Muskelversagen bewusst sein.

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Übungen sind Bewegungskombinationen

Wenn wir von Übungen sprechen, ist es wichtig zu verstehen, dass diese oftmals ein Zusammenspiel mehrerer Muskeln sind. Besonders wenn man von Mehrgelenksübungen spricht, ist es also eine ganze Kette. Wenn man sich nun also die obige Definition des „Übungsversagens“ in Gedanken ruft, so wird klar, dass Übungsversagen durch jedes Glied der Kette verursacht werden kann, auch wenn dadurch gewisse andere Muskeln, die in der Bewegung beteiligt sind, nicht vollends Ausgelastet sind. So bedeutet, eine Übung bis zum Versagen auszuführen noch lange nicht, dass auch entsprechende Muskeln gänzlich erschöpft sind.

Kniebeuge ≠ Kniebeuge

Nimmt man das Beispiel der Kniebeuge, so kann man eine Vielzahl an Ausführungen unterschieden. Je nach Körperbau und Übungstechnik sind entsprechend auch mehr oder weniger Muskeln, mehr oder weniger stark beteiligt. Vergleicht man hierzu eine klassische „Gewichtheber- Beuge“, die sehr tief und aufrecht ist, mit einer Lowbar- Beuge, die gegensätzlich dazu weniger tief, und deutlich Hüftdominanter ist, so ist die Muskelarbeit natürlich auch sehr verschieden. Wohingegen die Kniebeuge des Gewichthebers sehr Quadrizeps- dominant ist, so ist die Lowbar- Kniebeuge eine gute Mischung aus vorwiegend Knie- und Hüftmuskulatur. Spricht man jetzt von Übungsversagen, so kann dies durch jedes Kettenglied verursacht werden, durch dessen Versagen die Übung nicht weiter ausgeführt werden kann. Im Falle der Lowbar- Beuge kann dies also, sowohl die Oberschenkelmuskulatur, aber auch die Gesäß- oder Rückenmuskulatur sein. Bei der „Gewichtheber- Variante“ sind Rücken- bzw. Gesäßmuskulatur deutlich weniger beteiligt und die ganze Bewegung ist entsprechend „Quaddominanter“.

 Je „Muskel- Isolierter“ die Bewegung ist, desto mehr überschneiden sich also Übungsversagen und Muskelversagen. Das kann man sich im Falle eines Bizepscurls gut vor Augen führen. So sind bei einer isolierten Ellbogenbeugung der Bizeps bzw. Brachialis die einzigen relevanten Muskeln, die für die Bewegung verantwortlich sind, wodurch ein Übungsversagen entsprechend damit einhergeht, dass jene Muskeln nicht mehr in der Lage sind entsprechenden Widerstand zu überwinden.

Wann ist das relevant?

Wenn man sich die Frage stellt, wofür das relevant ist, muss man sich ganz einfach die Frage stellen, wofür man entsprechende Übung macht. Will man durch eine Kniebeuge den Quadrizeps maximal Stimulieren bzw. erschöpfen, so wird das nicht so gut funktionieren, wenn die Kniebeuge nicht „Quad-dominant“, bzw. „Quad- limitierend“ ist. Wäre dies der Fall müsst man also Technik- oder Übungsänderungen vornehmen, um die „Quad- Beteiligung“ der Übung zu steigern.

Wie für die Kniebeuge gilt das natürlich auch für andere Übungen, wobei eben durch diese Tatsache das Training teilweise nicht so zielbringend ist, wie es sein könnte.

Bodybuilder müssen nicht Kreuzheben…

Ist das Ziel, einen Muskel maximal zu stimulieren, so müssen jeweilige Übungen auf diesen Muskel ausgerichtet sein.

Um hier das Kreuzheben, bzw. Deadliften als Beispiel zu nehmen, trifft das ganz einfach meistens nicht zu. So ist je nach Ausführung natürlich Großteil der Beinmuskulatur und auch der Rücken stark belastet, jedoch werden dabei die involvierten Muskeln nicht so stark/gezielt beansprucht, wie bei einer isolierteren Übung. Weder im Bewegungsausmaß der Übung noch in der jeweiligen Auslastung. So ist die Beinbeuger- Muskulatur selbstverständlich beteiligt, aber nicht so stark wie bei einem „Rumanian Deadlift“, oder einem Legcurl. Und selbes gilt auch für andere beteiligten Muskeln.

Bei solch einer „Ganzkörperübung“ ist das Übungsversagen mit Versagen des schwächsten Gliedes verbunden, wobei andere Kettenglieder vielleicht noch lange nicht am Ende wären/ sind. Dennoch entsteht durch die Übung ein hohes Maß an Ermüdung, welches unter Umständen verhindert die jeweiligen einzelnen Muskeln entsprechend stark zu stimulieren.

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Training ist spezifisch!

Ist das einzige Ziel des Trainings die Muskulatur zu stimulieren, um sie so zum Beispiel zur Hypertrophie zu bringen, so ist das an keine spezifische Übung gebunden. Ergo sollte man Übungen, oder vielmehr das Training einfach so gestalten, dass die Zielsetzung erfüllt werden kann. Übungen, welche keinen Muskel „optimal“ trainieren, aber trotzdem stark ermüden, haben also nicht so viel Sinn.

Ist man hingegen Kraftsportler und Teil des Zieles ist es in gewissen Übungen stärker zu werden, so muss man das Training entsprechend auch darauf auslegen, wobei egal ist, ob nun gewisse Muskeln nicht größtmöglich stimuliert werden.

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